Von Engeln und Insekten

PROLOG

 

VON ENGELN UND INSEKTEN

 

Ich glaube…

jene eine Person, die vor Millionen von Jahren unser bis dahin einzig geltendes Bezugssystem, das tief in unserem Inneren doch all unsere Vorstellung begleitet, von dem alles ausgeht und zu dem am Ende alles wieder zurückkehrt, verließ, wäre am selben Punkt wie ich heute angelangt. Neben aller Ehrfurcht und atemloser Erregung, einer uralten, ständig im Menschen schlummernden Phantasie gegenüber zu stehen, zugleich im eigenen Gewissen mit einem resignierenden Bedauern zur Einsicht gekommen, an die Grenzen des – für uns Sterbliche jemals Möglichen gestoßen zu sein.

Doch als sie dort in ihrem Pioniergeist versunken, am Erdenstrand, knöcheltief in der sanften Brandung des kosmischen Ozeans verharrte und sehnsüchtig an den Horizont des Allmeeres hinausblickte, hatte sie sich in der Begabung der nach ihr folgenden Menschen geirrt.

Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, eine neue Ära einzuleiten, die der Erschließung des gesamten Universums galt: dem längsten Zeitalter, das je unter den Menschen währte.

Umso verwunderlicher erscheint es nun, wenn wir diese Zeit behandeln, als wäre sie ein Mythos.

Und umso verwunderlicher erscheint es, wenn wir uns heute letztlich erneut, lediglich bis zu den Knöcheln watend, am seichten Ufer des Weltalls wieder finden – als wären die seither vergangenen Äonen bloß Märchen.

Mit einem schaukelndem Boot an meiner Seite, genannt Entschlossenheit und ähnlichen Mitteln, wie zu den Tagen jener Wegbereiterin, begab ich mich auf die Reise.

Es unterschied mich nicht viel mehr von ihr, als die Gewissheit, dass ich nicht der erste sei, der sich dieser Herausforderung entgegenstellt, sowie die Bewunderung gegenüber meinen Vorbildern jener sagenumwobenen, ungezählten Jahre, in denen sich die Welt der Menschen bis über die Grenzen des Vorstellbaren hinaus ausweitete.

Man mag sich fragen, ob es in Zeiten wie diesen, in welchen praktisch alles erreicht wurde, nicht zu betrauern sei, dass man stets nur in die Fußstapfen irgendwelcher Vorfahren treten kann, ohne jegliche Chance diese zu übertreffen; ob es einem das Herz betrüben sollte, dass man nicht schon in ferner Vergangenheit geboren wurde, in der noch keine so vergängliche Gesellschaft am Werk war.

Doch meine Antwort lautet ganz entschieden: nein. Es ist der Trend der Zeiten, dem wir andauernd unterworfen sind. Daher liegt es an uns, dem Vergangenen nicht nachzuweinen und aus jeder Generation das Beste herauszuholen. Auch wenn bereits zahlreiche vor mir den Schritt aus unserem heimatlichen Himmel heraus tätigten, so ist es immer noch das Hier und Jetzt, das zählt. Im Hier und Jetzt bin ich es, der als einziger diesen Schritt zu tun vermag. Diese Überlegenheit, diese Macht, kann nicht verleugnet werden. Hierin liegt der Vorteil schlechter Zeiten, denn in ihnen ist es einfacher sich zu einer herausragenden Persönlichkeit zu entwickeln, als in den guten.

 

An den äußersten Rändern des Himmelsgewölbes. Da fauchten die letzten Überbleibsel dünner Luft in die eisige Kälte der schwarzen Tiefe hinaus. Da begann die Welt des Dunkels und des Nebels. Auch wenn die Erde immer noch als vermeintlich größte Heimat gut das halbe Gesichtsfeld ausfüllte, erkannte ich doch, dass sie in der gähnenden Kluft des finsteren Nebelheims unterging; so wie die antrazitfarbene Gestalt des Raumschiffs, welches sich mit bedächtiger Anmut aus der Planetenumlaufbahn erhob. Schwach flackerten die dünnen Triebwerksstrahlen des winzigen Nurflüglers, der an Form wie an Ästhetik einer Fledermaus gleich über den ewigen Nachthimmel glitt. Bald wurden er und ich eins mit der Düsternis unserer Umgebung, als hätte uns die Ginnunga gap (Leere) selbst geboren.

Der stark gewölbte Horizont der Erde schien plötzlich wie von einem zornigen Feuer angefallen: in zwei blutroten Schwingen, die sich in einer feinen Linie über den hinteren Rand der sichtbaren Oberfläche legten. Aus ihrer Mitte entstieg der feurige Sonnenball, aus dem Verborgenen aufsteigend wie ein Phönix aus der Asche. Seine Strahlen wirkten wie sprühende Funken, die das gesamte Antlitz der Welt verzehren.

Das Leben wie ich es kannte – es kam mir plötzlich entfernt und dermaßen unwahr vor. Im Vergleich dazu, was mir dieser Sonnenaufgang offenbarte, schien mir alles bisher da gewesene wie eine schwindende Illusion.

Inmitten jener schummrigen Materie wurde mir ein Einblick in die Augenblicke der langen Dauer des Universums gewährt: in unerschütterliche Sterne, in pulsierende Sterne, in entstehende sowie in sterbende Sterne. Es gab rote Riesen und weiße Zwerge, orange Nebel, die von undurchsichtigen Staubwolken verdeckt wurden und sich wie eine erlöschende Glut um einen hellen Stern versammelten. Es gab rauchartige Verdichtungen, die das blaue Licht naher Sterne reflektierten. Ich sah wie die unbändige Energie neugeborener Sterne gewaltige Wolken aus Gas und Staub in Wallung brachte und sich daraus Kegel, Säulen und großartige, fließende Formen zu den Sternenwiegen formten. Im Zentrum einer weit entfernten Galaxie erhoben sich Gassäulen über einem rotierenden, brodelnden Kessel, wie aus der Kernblase gespiene Lava. Ich glaubte auch die Anwesenheit von Dingen zu spüren, die hier draußen verschleiert in der Ewigkeit lagen und schweigend Geheimnisse in sich bargen. Vor allem aber fühlte ich, wie eine tödliche Kälte die Hülle der Nurflügel-Maschine durchbohrte und nach der Wärme meines Blutes trachtete. Denn sie war mir immens näher, als jedwede Erscheinung auf dem Panorama oder irgendeine bizarre Quelle des Lichts. Mir wurde klar, dass diese brachiale Leere in all ihrer Schönheit und Unantastbarkeit kein Ort der körperlichen Existenz war, sondern des physisch Nichtexistierenden. Wer weiß, vielleicht finde ich eines Tages heraus, ob es ein Aufenthaltsort der Seelen ist.

 

Dem Namen nach war der Bereich, zwischen der Bahn der Erde und der ihres Mondes, Nastrond (der Totenstrand). Bereits auf halbem Weg zu dessen Ende zog ein weiterer Himmelskörper wachsam seine Kreise. Er verkörperte das Ziel meiner Wallfahrt und zugleich die letzte Stätte der Raumfahrerzeit: der Sanktuarium-Mond. Dieser übrig gebliebene Außenposten spähte in eine Stille hinaus, in der die Sterne wie Grabfackeln vom Winde verwehter Reiche hangen. Die einzige mit meinem Herzen zu vereinbarende Erklärung, weshalb all das aufgegeben wurde, sah vor, dass unser Heimatplanet nichts Anderes als das Paradies selbst sei. In einem Kosmos voller Grenzenlosigkeit und Unpersönlichkeit, der dem Suchenden mit jedweden Antworten auf die großen Fragen winkt, mag es für mich sehr wahrscheinlich klingen, am Gipfel der Weisheit eingesehen zu haben, dass sein eigener Ursprung kein Zufall gewesen sein konnte. In der erfüllten Aufgabe, zu jener Vorherbestimmung zurückzukehren, sehe ich den Grund für unsere heutige Ausgangslage; heimgekehrt, am Ort der Schöpfung verweilend. Wie oft geschieht es, dass wir das Selbstverständliche erst schätzen lernen, wenn wir uns davon abgewendet haben? Das Gute ist manchmal zu nahe, um es wirklich wahrzunehmen – dabei ergeht es mir nicht anders.

Je weiter ich pilgerte, desto unerträglicher wurde der Schmerz des klirrenden Frostgriffes, dem ich mich nicht vollständig entziehen konnte. Von da an hielt ich meine Augen geschlossen und atmete lange aus um die durchdringenden Wellen jener urzeitlichen Bosheit von mir zu weisen. Der Kurs meines Raumschiffs wurde nun allein von den Zeichen die ich im Gebet erhielt gesteuert, so wie der Pfad meines ganzen Lebens plötzlich nur mehr von göttlichen Mächten gelenkt schien; von Fäden, die mich wie eine Marionette über den Abgrund trugen. Denn im Grunde sind wir alle keine Figuren, die sich frei von Seilen und Strängen bewegen können. Viele Gesichter kann das annehmen, was uns bewegt. 

Ich kann mich erinnern, wie ich mich von meiner Familie verabschiedete und die Menschen die ich liebe das letzte Mal in Armen hielt. In den wunderschönen Augen meiner Frau und meines tapferen Sohnes waren Tränen, doch von der Reinheit eines klaren Gebirgssees. So unberührt und unvergänglich werde ich sie in meinem Gedächtnis behalten, bis zu dem Tag, an dem ich sie wieder sehe. Damals sagte ich zu ihnen: „In meinen Augen werdet ihr immer als Engel bei mir sein. Ihr mögt meinen, dass ihr keine Engel seid, aber ich zeige euch etwas.“ Ich bückte mich und legte meine Hände gemeinsam mit ihren flach auf den Erdboden, sodass uns eine gespannte Stille verband. Dann sprach ich leise: „Hier, wo unsere Fußsohlen den Boden berühren, endet die Erde und darüber beginnt der Himmel. Derselbe Himmel zu dem wir ständig wünschend aufschauen ist nichts anderes, als die Luft, die uns hier unten umgibt. Aber unsere ganze Zeit verbringen wir damit das Himmlische herbeizusehnen, wo wir uns doch in diesem Augenblick im Himmel aufhalten. Sogar als Blinder würde ich das erkennen, befände ich mich nur in eurer Nähe. Deswegen bin ich mir so sicher, dass ihr zwei Wesen des Himmels seid.“

 

Wenngleich sie mein Funken sind, der meine Kraft nicht verglimmen lässt, sind sie nicht der Anlass zu meiner Erhebung zu den Sternen. Aus der Masse heraus zu stechen ist ein Ziel, das ich ständig vor mir habe. Wenn einige meinen, dass ich das bereits wäre, dass ich einen solchen Zustand bereits von Geburt an erreicht hätte, dann halte ich das für eine zu einfache Art zu denken. Es ist wahr, dass es in den Händen einiger weniger liegt, die Menschen anzuführen und dass diese Verantwortung seit jeher mit den Aufgaben meiner Familie zu einem starken Band verflochten war. Aber selbst wenn ich zu denen gehöre, die über das Leben anderer zu entscheiden haben, muss ich mich zu einer weiteren Masse dazuzählen. Somit wird mein Bestreben, alle Menschen zum richtigen Weg zu führen, so gut wie zunichte gemacht. Es gibt keine Übermenschlichkeit auf Erden. Deshalb suche ich die Stätten des Weltalls heim. Warum? Weil sich in ihnen der Schritt vollzog, in dem Menschen zu Engeln und Insekten wurden.  

Wenn ich die verblichenen Fußstapfen meiner Urahnen heimsuche, dann tue ich das mit der andauernden Gewissheit, dass sich die Linie meines verwandten Blutes durch die Raumfahrerzeit hindurch zieht, wie die Wurzeln einer tief reichenden Pflanze. So tief unter der Oberfläche der Gegenwart, dass keine Namen, doch verschwommene Bilder im Mysterium des gemeinsamen Unterbewusstseins der Menschheit erhalten blieben. Sie ranken sich um das Gebilde des ganzen Universums und entlang der Säulen der Zeit, die es tragen. Denn die Zeit ist es, die ermöglicht, die Dinge geschehen lässt. Je näher sie sich zur Unendlichkeit hin ausbreitet, desto mehr tritt aus dem Schatten des Ungeschehenen ins Licht des Geschehenen. Lang war die Dauer der Raumfahrerzeit und viele Dinge traten ein. Der Mensch streckte seine Hand nach der Schöpfung und begann mit dem, was unsere heutige Vorstellungskraft schlichtweg übersteigt. Mit dem Wissen um die Bausteine des Menschen sowie um deren angewandten Umgang, wurden die Legenden der Engel und Insekten geschmiedet. Engel im Bezug auf das Übermenschliche, Unnatürliche und erleuchtete Geschöpf. Insekten nicht im negativen Sinne, wie wir diesem Begriff heute mit Abscheu entgegentreten, sondern in der Bedeutung von der Fähigkeit zu Widerstehen, von Zähigkeit und Beharrlichkeit. Die gesamte Galaxis wurde in ein einziges Habitat verformt, die ursprüngliche Kreation, welche wir als Realität ansehen, war gekrümmt und verzerrt worden. Land wurde geschaffen, wo keines war. Die Leere war überwunden und die Stille überrannt von den summenden Chören sterblicher Werke.

Der große Kosmos, schön in seiner kühlen, unpersönlichen Gesamtheit, beinhaltet alles, was wir Gut oder Böse nennen, all die Erklärungen auf alle Widersprüche, zwischen denen wir uns eingeengt sehen. Allerdings wirkt sein gesamter Inhalt auf uns ein, sofern wir uns ihm aussetzen. Ansichten geraten ins Extreme, beschwören Konflikte epischen Ausmaßes herauf und verlangen somit unser größtes Geschick ab. Nicht anders verlief es in diesen vergangenen Perioden, in denen alles an Bedeutung gewann, oder gar erst bedeutend wurde. Manchmal frage ich mich, wie es gewesen sein musste, von einer engelsgleichen oder insektenartigen Aura umgeben zu sein, eine Erscheinung wie aus einem Traum und doch in diesem Traum gefangen, wie ein jeder Normalsterbliche heute bis ans Ende seiner Tage in seinem Körper eingekerkert bleibt. Woran man wohl denkt, wenn sich sein Platz im Universum auf einer höheren Stufe befindet, dem wahren Himmel so nahe; wie man sein Dasein dann betrachtet, wenn die Unsterblichkeit greifbar nahe erscheint. Betrachtet man Langlebigkeit als Qual oder fürchtet man den Tod umso mehr, wenn man den Wert des eigenen Lebens mit jedem zusätzlichen Jahr das einem geschenkt wird, höher einschätzt? Ich weiß es nicht. Ein gewisser Mann erklärte mir einst, dass sich aus diesen Ängsten heraus zwei völlig gegensätzliche Seiten kanalisierten und so in der Welt manifestiert wurden. Sie sollen die Herzen aller befallen und sich in einem ewigen Ringen befunden haben.

Das Gefühl zu erleben, inmitten dieser beiden Urkräfte zu sein, von ihren fühlbaren Schwingungen eingeschlossen und umflossen zu werden, muss unbeschreiblich sein. Ich stelle mir vor, auf einem fernen Planeten unzählbare Tage vor meiner Zeit, die Hand vor mein Gesicht zu halten und in den feinen Linien meiner Fingerspitzen, oder den Falten meiner Handflächen ganz schwach Zeichen meiner menschlichen Abstammung zu entdecken. Doch wenn ich weiter sehe, dass sich mir ein Geheimnis von Vollkommenheit preisgibt, im Anblick meiner physischen Hülle, die jedem lebenden Wesen überlegen scheint. Meine Erscheinungsform wäre nur mehr von geistigen Kräften übertroffen, die Brücke zwischen dem schweifenden Bewusstsein und einem felsenstarren Körper. Alles was wir wahrnehmen, beeinflusst in irgendeiner Weise. Welche neuen Sichtweisen und völlig neuartige Gefühle würde uns dieser Zustand nur verschaffen? In einem System, in dem uns die Fremdartigkeit der Elemente erst bewusst wird: In Farben, die man sich nicht vorstellen kann, bevor man sie nicht das erste Mal sah und einer Atmosphäre, die wie sanfter Dunst über einer scheinbar in der Zeitlosigkeit driftenden Ebene hängt. Vom Fuße gigantischer, menschenleerer Berge aus, würde ich wie aus einem vertrockneten Flussbett aufblicken und in einen hohlen Sog undurchdringlicher Wolken spähen, der sich über mir auftürmt. An seinem geöffneten Gipfel verstreuen sich die Flammenausstöße einer Sonne wie ein Schwarm winziger Glühwürmchen, deren Leuchten die Gebilde der Wolken bis zu den kalten, kettengestützten und ruinenhaften Gebäudekonstruktionen des Tieflandes erhellt. Ein Land, das zuallererst in der Idee eines Menschen geboren wurde, ehe es in seinen Gedanken ausreifen konnte, um sich, von ihm in die Wirklichkeit entsandt, zu einer einzigartigen Blüte entfalten zu können. Inzwischen von solchem Alter, dass jegliches Leben, das diese Blüte einst beheimatete, wieder ausgelöscht wurde von den Händen eines höheren Willens. In diesem Schoß besäßen nicht einmal die Leere bewohnenden Miramen die Macht mich einzuschüchtern (die Essenzen, oder Verkörperungen dessen, was ein gewisser Aspekt darstellen kann, dem es in der Gesamtheit aus Raum und Zeit ermöglicht wird einmal aufzutreten). Als wie außergewöhnlich, erhaben oder abstoßend man sie auch ansieht, heutzutage begegnen sie einem höchstens mehr in Visionen. Sie stellen nur noch einen schwachen Schein ihrer einstigen Präsenz dar. Wobei mir gerade jetzt auffällt, dass sie in dieser Hinsicht etwas mit uns teilen. Nichtsdestotrotz, im imaginären Begehen eines solchen Landes aus vergangener Zeit, wären sie nicht wegzudenken. Ich selbst halte sie für die Geistwesen außerirdischer Welten, die oft in das Schicksal der Menschen eingriffen und von einigen als göttliche Ewigkeiten, von anderen als nicht Ruhe findende Gespenster angesehen, in die Legenden eingewoben wurden, die von Engeln und Insekten berichten. Wo ihre Leere jedoch wirklich zu finden war, ob in uns selbst, oder an den Rändern des Universums, das vermag ich nicht zu sagen. Nur das eine steht fest: In diesem urzeitlichen Wirbel, von all jenen Eindrücken befangen und der Gewissheit versichert, dass es dennoch einen gäbe, dessen Macht alles andere bei weitem übersteigt und der schützend seine Hände um uns hält, wäre ich mir sicher Tränen der Glückseeligkeit zu vergießen.

 

Während ich meine Gedanken hatte schweifen lassen, entging mir wie sehr ich eigentlich zitterte und wie fern ich der Heimat war. Ein Pfad lag hinter mir, weiter als irgendjemand anderer in diesem Jahrhundert gewandert war. Am eigenen Leibe erfuhr ich, wie kalt und lebensfeindlich sich die Natur des Kosmos verhielt. Wie einsam ich in der Dunkelheit war. Wie sehr ich mich zusammenkauerte und wie sehr ich mir wünschte, meine Lider bald wieder nach dem verschwundenen Schauer unangreifbaren Gefrierens zu öffnen. Doch dieser Schauer kannte kein Ende und hatte mich wie eine Krankheit befallen. Festgesetzt in meinen Sinnen, begann sie mich nieder zu raffen. Als es mir gelang, die gläserne Scheibe zu ertasten, erschrak ich in der Annahme, die Kanzel in der ich wie ein Embryo an einem seidenen Faden des Überlebens hing, würde von frostigem Reif durchzogen sein. Im gegenwärtigen Moment wurde mir wahrscheinlich auch gewahr, weshalb sich nach einem Kreislauf der Entwicklung, schließlich alles wieder zu einem Anfangspunkt zurückbegeben hatte. Der Mensch war verweichlicht, nur die paradiesischen Gärten der Erde konnten ihn in Ruhe und Geborgenheit wiegen, nach der Rückkehr einer lebenslangen Reise. Aber dieser Tatsache musste ich für meinen Aufbruch trotzen, denn nur mit Standhaftigkeit würde ich mein Ziel erreichen können. Auch wenn keine Ohren in der Nähe waren, die meine Klage vernehmen würden, keine Augen, die mein Ende gesehen hätten – würde ich meine Aufgabe nicht erfüllen, würde keine nennenswerte Veränderung auf Erden von statten gehen und meines, sowie das Jahrhundert aller jetzt lebenden Menschen würde nicht mehr als ein Jahrhundert des schlichten Dahinvegetierens sein. Deshalb blieb mir nur über zu warten und jeden Gedanken eines Aufgebens verachtend zu zerschmettern, bis ich jene heilige Pforte passiere, an der mir erinnerungswürdige Taten ermöglicht würden. Bis dahin, vergrößerte sich in meinem inneren Stundenglas der Abstand der herabrieselnden Sandkörner.

Mein Bewusstsein schwand. Ich sackte zusammen und stürzte in die Tiefe, welche sich plötzlich innerhalb meiner Augenlider vor mir auftat. Jedes Gefühl der Zeit ging verloren und das Brausen des Antriebes erklang wie ein hoher, doch eintöniger Gesang während ich fiel. Bis ich in eine neue Atmosphäre geworfen wurde, eine, die mein Leben verändern würde.

 

Der Mond schien über Ulldarr’s nächtlichem Himmel und beleuchtete ihn mit blasser Kälte. Selbst ein Mond, war der Sanktuarium-Mond jedoch bei weitem anders, als der noch weitaus ältere Erdenmond. Er wirkte künstlich in seinem dornenartigen Oberflächengemisch aus Mineralien und Metall, beinahe wie ein riesiger Seestern der aus einer finsteren Spalte hervorlugt. Auf der sonnenabgewandten Seite war die tagsüber herrschende Vielfalt an schimmernden Farben zu einer Einheit schwarzen Glitzerns zusammengeschmolzen. So hatte er seine ersten Entdecker auch lange genarrt: als launenhaften Regenbogenhimmelskörper, als Chamäleonkristall Ulldarr. Aber das zwielichtige Silbergestirn zeigte sich nun von seiner dunklen Seite.

Alles schlief unter einer Natur erdrückenden Decke, eine Vegetation, die wie versteinert von einer Schicht Metall umgossen war. Dennoch war dieses Leichentuch aus bizarr gesponnenen Fäden gefertigt. Sein gigantischer Dschungel ruhte aufrecht stehend in voller Pracht, erstarrt unter Kupfer und Grünspan. Sanft herab fallende Blätter schimmerten messingfarben, die ein Wind aus eisernem Staub davontrug. Was er hinfort schuf verfeinert sich raschelnd im rasiermesserscharfen Silbergestrüpp und legte sich an fernen Orten zu Boden, wo violette Amethysten als kleine Findlinge neben den Wurzeln der Metallbäume lagen, die sich wie ein Bach aus Quecksilber wanden und umeinander schlangen. Denn selbst die Gewässer sind dort aus Metall, oder geben den Anschein, als wären sie der Ausfluss eines Schmelzofens, abgekühlt und dennoch nicht starr, so paradox wie die gesamte Zuflucht als Ganzes.

 

Manch einer mag sich fragen, ob unter dieser spiegelnden Schicht überhaupt Leben steckt, oder irgendein lebendiger Geist. Oder ob dieser silberne Mond nur das Trugbild eines Geistes ist, eine todbringende Klinge. Denn er hielt mich über Monate hinweg gefangen. Als ich ihn nach meinem späten Erwachen erstmals unter aufgehender Sonne erblickte, widmete ich mich absichtlich nicht mit zu großer Hingabe der seltsamen Oberflächenbeschaffenheit des Sanktuarium-Mondes, denn mein Aufprall war hart gewesen. In dem Moment, als erstmals wieder Licht in mein Bewusstsein fiel, kam ich mir wahrhaftig vor wie auf Messers Schneide; unter diesen Gebilden und Konstrukten, mit denen ich kollidiert war, an denen sich mein Fleisch geschnitten hatte und die man am treffendsten als unnatürlich bezeichnen konnte, fühlte ich mich unbehaglich.

Aber ich begann bald darauf zu verstehen, dass der erste Eindruck nicht immer der bestehende bleibt und dass genau darin die Besonderheit des Chamäleonkristalls lag. Seine Gegebenheiten erfordern Anpassung und seine Atmosphäre unterwirft einem unausweichlicher Prägung.

Ich hatte mir vieles erhofft, aber nie hätte ich geahnt, dass mein Schicksal vom Betreten des Sanktuarium-Monds derart zum Guten gewandt würde. Einsam musste ich mich durch Schatten bahnen, die die Welt in hohen Sphären verdecken, ich habe mich vom Paradies aus zu den Sternen erhoben, um meinem Volk ein besserer Mensch zu werden. Und das werde ich sein, wenn ich zurückkehre. Jetzt starrte ich in Berge aus schwarzem Titanium, wie in dem Traum, nachdem ich einst so sehnlich meine Hand reckte. Nur stand ich nun nicht allein.

Mein Haupt war zu denen gerichtet, die mich vor dem Tod bewahrten und mich als Standhaften anerkennend unter sich aufnahmen. Sie statteten mich aus mit einer tentakelbewährten Krone aus grauem Stahl, einer Legierung die außerdem schwarze fließende Formen aufwies und hüllten mich in eine Panzerung von ähnlichem Material. Ich war auferstanden, nach meinem tiefen Fall und hatte den Tempel der Wissenschaften erreicht, von dem ich nicht gewusst hatte, ob es ihn wirklich gibt. Genauso wie die Existenz der auf dem Sanktuarium-Mond lebenden Jünger der Lichthammer-Vereinigung im Ungewissen lag. Aus dem geheimen Volke Ulldarrs hatten sich Aueyaru versammelt, der mich fand, Yadaiphos der mich in Sicherheit brachte und Esunen, der meine Wunden versorgte. Sie waren es auch, die abwechselnd ständig an meiner Seite blieben, während ich lange Tage im Tiefschlaf versunken war. Ihre Geschichte werde ich hier kurz darlegen.   

 

Aueyaru wanderte über Dünen von Eisenspänen, die wie Schnee Berg und Ebene bedeckt hielten, als er einen Kometen am Firmament ausmachte. Er saß oft einsam und wachte, schlief nur mit einem Auge, die nächtliche Region mit seinem zweiten überblickend. Wie für die anderen Mitglieder seiner Sippe, war der Chamäleonkristall das, was für uns die Erde darstellte: Heimat. Besser gesagt, bedeutete er noch mehr für sie. In grauer Vorzeit, als die Menschen zu ihrem Paradies zurückkehrten, gab es einige, die die letzte Bastion des Weltraums nicht aufgeben wollten und sich ohne das Wissen der restlichen Menschheit auf dem Silbermond verschanzten. Sie waren die vordersten der Ahnenreihe der gegenwärtigen Bewohner Ulldarrs. Doch ähnelten sie ihnen in keiner Weise, da der Sanktuarium-Mond sie im Laufe der Zeit zwang, sich anzupassen, ihre Gestalt und Sinne zu verändern. Die Metallwelt verformte alles Fleischliche, das sie in sich aufnahm, verwandelte Menschen in etwas anderes, indem sie ihnen eine härtere Schale verlieh – beinahe wie in den Legenden.

                Aueyaru’s übermäßig lange nach hinten gerichteten und spitz zulaufenden Ohren wandten sich der Richtung zu, aus der sich der Komet näherte. Er verharrte so und lauschte dem herabtrudelnden Himmelskörper, der einen Schweif grellen Lichtes hinter sich her und über die glitzernde Nachtkuppel zog. Auf seinem Gesicht war Anspannung zu erkennen. Seine gräuliche Haut, die der Rinde eines uralten, beinahe versteinerten Baumes glich, warf abwartende Falten über den markant zweifelnden, wie zwei tiefe und lange Einschnitte erscheinenden Brauen. Über seinen ausgeprägten Jochbeinen und seiner raubkatzenhaften Nase saßen die Dunkelheit durchdringenden Augenschlitze. Lange Haare wehten wie ein Schleier im Wind, einem richtigen Umhang ähnelnd. Aus seinem Kinn entsprang ein bis zur Brust reichender Bart, der zu den beiden Ohren den dritten hornähnlichen Auswuchs seiner Fratze bildete. Unter sich weit ausbreitender Iris in seinen eisblauen Augen schreckte er zusammen, als er das Triebwerksgeräusch des vermeintlichen Asteroiden enttarnte. Sofort sprang er auf und versuchte die Bahn des niedergehenden Raumschiffes zu berechnen. Die Muskeln seines gestählten Körpers drängten ungeduldig darauf loszustürmen, aber noch war die Stelle an dem der Nurflügler abstürzen würde zu ungewiss. Er musste abwarten, bis die fledermausartige Maschine noch mehr an Höhe verlor und sich im Bereich der Gebirgsgipfel befand. Er nutzte die Zeit, die ihm dazu noch blieb, um sich auf einen weiten und beschwerlichen Weg durch die Ausläufer der Titaniumberge vorzubereiten. Ein staubiges Meer hügeliger Wellen lag vor ihm, ein Pfad, der über verschlossene Seen spiegelglatten Platins und durch Stürme peitschender Glassplitter führen würde. Doch nur alle paar Generationen trat ein, dass ein Erdenbewohner eine Stufe der Entwicklung erreicht, von der aus er das Paradies verlassen konnte. Es war der einzige Grund ihres Wirkens, die Ankunft eines solchen Wallfahrers zu erwarten, um ihm, sowie ihnen selbst, die verschwiegenen Geheimnisse vergangener Zeit preiszugeben: die Geheimnisse des Fortschritts.

Als Aueyaru zu den schwarzen Gipfeln in der Ferne aufblickte, wurde er Zeuge des Einschlags meines Schiffes. Unter ohrenbetäubendem Donnerschlag entzündete sich ein diamantähnlicher Lichtblitz in den Weiten des Gebirges und verzweigte sich, für einen kurzen Moment die Nacht zerreißend, in gähnenden Tälern. Aueyaru rannte los wie ein aufgestauter Wildbach, den man plötzlich freiließ. Nur die Abdrücke seiner Schneeschuhe blieben eine Weile zurück, ehe sie unter eiskristallartigen Spänen dunkelgrauen Eisens begraben wurden.    

 

Er war der erste der Lichthammer-Jünger den ich zu Gesicht bekam, wenn auch nur in fahrigen, verschwommenen Bildern, die sich zwischen meinen trägen Wimpernschlägen einschlichen. Man erzählte mir später, dass er mich aus dem Wrack barg und eine breite, leicht gewölbte Platte einer Keramikpanzerung schützend über uns hielt, um uns vor dem Inferno der explodierenden Treibstofftanks, sowie den schneidenden Winden die auf dem Dach dieser anderen Welt herrschten zu bewahren. Sein Hilferuf hallte an den treppenartigen Wänden des Gebirges als gewaltiges Echo wider und drang bis zu der mit Buschwerk und hohem Drahtgestrüpp bewachsenen Stahlheide an den Ausläufern der Berge, die wie Zehen eines Riesen im Waldland einharkten. Dicke, schwellende Borstenschichten bedeckten den Boden von Yadaiphos’ Land, aus dem eine Stille empor kroch, die den Sinn gefangen hielt. Wer in diesem Forst verweilte, verstand, weshalb sein Verweser feste, wie mit Trommeln aufsetzende Schuhe trug und sich in verschlossenes Schweigen zu hüllen pflegte. Er führte einen verdrossenen Blick und seinen typischen Ulldarr-Ohren entging nicht das geringste metallische Kratzgeräusch. Was sich sehr zu meinem Vorteil entpuppte, denn so vernahm er auch die Stimme aus den Bergen. Der Absturz meines Nurflüglers hatte ihn zwar aus seinem täglichen, an einem Baumstammgerippe abgehaltenen Nickerchen gerissen, jedoch noch nicht dazu veranlasst, nach dem Rechten zu sehen. Hellhörig wurde er erst, als sein Sitz an den Wurzeln des Gebirges von rauen Schreien durchzogen wurde. Über seinem stämmigen Rücken zurrte er sich einen fasrigen Mantel fest, schlüpfte in ein paar Handschuhe, in denen die Pranken eines wilden Bären Platz gefunden hätten und brach mit einem nur schwer zerstörbaren Wanderstock gewappnet auf. Von einem Brummen begleitet streifte er durch seine Heide, wie ein Biest unter kupfernen Blätterdickichten.

 

Er fand zu uns, als die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Spitzen des Gebirges einfielen, als würden sie durch die Fingerzwischenräume einer gewaltigen Hand scheinen. Zu dem Zeitpunkt war auch schon Eile geboten die schroffen Gefilde zu verlassen, denn der morgendliche Reif stellte eine zusätzliche Gefahr auf dem Abstieg über die steil abfallenden Klippen dar. Ich habe noch gut die Worte vom findigen Aueyaru in Erinnerung. Er sagte in der Hoffnung ich würde seine Anwesenheit irgendwie wahrnehmen: „Sogar hier sieht man die Lebendigkeit in den unlebendigsten Dingen: Alles weint in Ulldarr’s Morgenröte, so wie alles weint, wenn es vom Kalten ins Heiße gelangt. Der Chamäleonkristall bewegt, was nicht bewegt werden kann – zumindest das, was man für unerschütterlich halten mag.“ Erst später verstand ich, was er damit wirklich meinte.    

Wir folgten dem Lauf eines versiegten Quecksilberstroms auf dessen glatter Oberfläche sich die groben Umrisse wildester Spiegelungen abzeichneten. Jene unserer eigenen Gestalten huschten unter unseren Füßen wie Gespenster, die kopfüber auf der anderen Seite der Eisschicht entlang zogen. Durch Nässe und Pfützen rannten sie nicht minder geschwind und Yadaiphos trug mich auf seinem Rücken über den gefrorenen Fluss, bis wir sein vertrautes Waldland-Reich vor uns hatten. Danach handelte es sich nur noch um wenige Wegstunden zu den verlassenen Tempelstätten, in denen Esunen, sowie eine handvoll anderer den Versorgungszyklus der Sippe steuerten, indem sie deren lotosblütenartige Türme in Generatoren umbauten oder Gewächshäuser und improvisierte Nistanlagen einrichteten. Sie nannten diese Angkor Wat, nach einer Märchenstadt alter Zeiten.

Esunen war in gewisser Weise der Lebensspender aller Tiere und Pflanzen, welche die Ernährung dieser halben Menschen sicherte. Er war der Säer auf den Feldern und Plantagen, auf denen er viel Zeit verbrachte und sich mit den Gewächsen abgab. An den Generatoren und in Kühlbecken züchtete er warm- und kaltblütiges Getier, Kolonien bildende Insekten, Bakterienkulturen und überall wo sein Handwerk zu sehen war, schwirrten winzige, oranges Flimmern abgebende Käfer. Wie Zikaden gaben sie zirpende Geräusche von sich, solange man ihnen nicht zu nahe kam. Wenn man in einen solchen Schwarm eindrang, war es also keine Seltenheit, dass man immer nur hinterrücks oder seitlich mit zischenden Lauten beworfen wurde, während die Motten in Blickrichtung an einem völlig uninteressiert wirkend, still verharrten und sich dann langsam abwandten. Nur Esunen kehrten keine dieser Lebensformen den Rücken zu, als würden sie verstehen, dass ohne sein behutsames Wirken nichts auf Ulldarr bestehen würde, das Schmerz empfinden konnte, das die Gabe besaß, sich an Dingen zu erfreuen, oder zu leiden.

 

Als ich aufwachte schaute ich direkt in sein mit Bandagen maskiertes Gesicht, zwei schmale Kohlen funkelten mich an. Über ihnen waren geweihartige Auswüchse, die wie Fühler aus seinem Kopf ragten, zuerst zur Seite, den Hörnern eines Stieres gleich, dann nach oben gebogen und schließlich wieder mit einer Krümmung nach unten, die in spitzen Widerhaken mündete. Dort wo Haare ansetzen würden, schien eine Verknorpelung über die Stirn zur Nasenwurzel zu reichen und auch hinter den langen Ohren hatte es den Anschein, als wäre der Kopfschutz verknöchert und würde den Hals entlang in das chitinartige Außenskelett des Oberkörpers übergehen. Mir kamen Schaudern, als ich daran dachte, dass etwas Menschliches in ihm steckte; dass Generationen vor ihm jemand existierte, der verwandtes Blut in seinen Adern hatte und nicht anders gewesen war, als ich selbst.             

Zur Zeit meiner Wiedererweckung befand ich mich in einem mit undurchsichtigem Schlamm befüllten Becken, sodass nur mein Gesicht über der Oberfläche lag. Schläuche führten aus allen Richtungen zu mir, die Flüssigkeiten in meine Blutbahnen leiteten. Ich hob meinen linken Arm aus der morastigen Einbettung, um zu sehen was aus mir geworden war, was sie aus mir gemacht hatten. Eine Ewigkeit musste vergangen sein, zwischen der Rettungsaktion der drei und dem ersten Morgen des Silbermondes, dem ich mit vollem Bewusstsein beiwohnte. Einhundertneunundachtzig Tage, wie mir Esunen mitteilte. Der Raum, in dem ich aufbewahrt wurde, war bis auf einige wenige Scharten in den steinernen Mauern verschlossen, nur eine rundliche Öffnung zeigte wie ein Fenster zum Horizont, an dem die Sonne emporstieg. Im fahlen Licht des Tagesanbruchs betrachtete ich meinen Arm. Es dauerte eine Weile, bis die Sumpfschicht, mit der er eine so lange Verbindung eingegangen war, von ihm losließ und ich ansatzweise meine Haut erkennen konnte. Ich setzte mich auf um mehr zu sehen, doch mein Körper war heil. Nur Narben und Schnittwunden überzogen meine ganze Länge, in denen sich Maden und Würmer tummelten, doch sie beschleunigten nur den Heilprozess. Ich blinzelte während die Nähe der Sonne mein Gesicht erwärmte, als wäre ich nie von zuhause aufgebrochen. Meine Dankbarkeit war unvorstellbar. Ein Lächeln entfloh mir und ich verbeugte mich kurz vor dem Anbruch des Tages, der mich geweckt hatte. Danach half mir Esunen auf die Beine und ich setzte das erste Mal meinen Fuß auf den Sanktuarium-Mond. Vielleicht wird jetzt verständlich, weshalb ich mich nicht mehr mit dem juwelhaften Mond abgab, auf dem ich mich befand, sondern mich den Geschöpfen zuwandte, die mich geborgen hatten: den Wächtern an der heiligen Pforte. Was sie taten, werde ich ihnen nie vergessen.  

 

Als ich das erste Mal ins Freie hinaustrat, war Esunen an meiner Seite um mir die Beschaffenheit dieser völlig fremdartigen Welt zu erklären. Er meinte, so unlogisch es auch klingen mag, Metall wäre nicht etwas, das man als unnatürlich, oder künstlich ansehen sollte. „Sieh nicht das unveränderliche Metall, erkenne das Element, achte auf seine Wandlungsphasen. Sieh es reifen, sich zusammenziehen, weinen, wie es sich ablöst und sinkt. Du wirst sehen, dass es dir näher steht, als du denkst oder wahrhaben willst. Hast du dich schon einmal gefragt, welcher neuartige Geruch von jener metallener Vegetation ausgeht, die du als so fremd hinnimmst und gegenüber der du dich verwundbar fühlst?“

Ich wusste nicht was ich antworten sollte. Denn ich überlegte und fand heraus, dass es kein mir neuer Geruch gewesen war. Bei Gewitter in den Bergen wurde der Geruch von abgefeuerten Waffen und schwer arbeitenden Fabriken verströmt, während der Grund, wenn man sich bückte und ihn mit seinen Fingern aufwühlte, nach eingetrocknetem Blut roch.

„Es ist in dir, in dem Blei, das durch deine Venen fließt. Deshalb war dir der Geruch auch nicht fremd. Ich weiß, weshalb du hergekommen bist. Du bist auf der Suche nach Technologie, denn sie kann Kräfte entfesseln, die unbändige Gewalten in Schach halten. Du magst annehmen, dass Technik als Werkzeug der Intelligenz keine Sache der Natur ist, dass sie ein Gegenspieler ihrer sei. Aber das ist eine schlechte Sichtweise. Technologie ist ein Teil des Ganzen und wenn du Kontrolle über ein wildes, ungezähmtes Land bringen möchtest, mu

Sun, 07 Feb 2010 12:24 Posted in

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Comment Von Engeln und Insekten


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